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Immer, wenn er morgens aufwacht, steht er mit dem rechten Fuß auf. Mit dem dicken Zeh zuerst. Dann setzt er den Rest seines Fußes auf dem frischgeschliffenen Holzdielenboden ab. Schlaftrunken taumelt er mit einer Spielfigur unterm Arm und einem breiten Lächeln zum Frühstückstisch. Während er sich hinsetzt, reibt er sich noch die letzten Schlafkörnchen aus dem linken Auge. Immer, wenn er sich abends ins Bett legt, stellt er sich vor, wer er heute Nacht sein will. Meistens verwandelt er sich in T Rex. Das ist dieser Dinosaurier mit den viel zu kurzen Armen. Aber nicht, wie man ihn sich so vorstellt: böse, verdorben, mit spitzen Zähnen und so. Sondern friedlich wie eine kleine Spitzmaus, die es sich in der nächsten Zimmerecke mit einem Stück gelöchertem Käse gemütlich macht und sich nichts sehnlicher wünscht, als gestreichelt zu werden. Er kann groß und stark sein, aber auch klein und schnell wie eine Biene, die von Blüte zu Blüte fliegt. Am liebsten spielt er mit den Flugsauriern. Manchmal kommt ein ganzer Schwarm und sammelt ihn ein. Das liebt er ganz besonders. Wenn ihm danach ist Bäume auszureißen, weil ihn etwas so unglaublich fröhlich stimmt, tut er es. Aber erst dann, wenn er sich sicher sein kann, dass er keinem wehtut. Wenn er fertig ist, pflanzt er den Baum an einer anderen Stelle wieder ein. Manchmal ist er auch im Schlaraffenland. Da gibt es dann ganz viele leckere Sachen. Er schlägt sich den Bauch so voll, dass er sich von einem Fluss aus Bonbons mit Karamellfüllung ins nächste Tal gleiten lässt. Mit seinen Händen auf dem Bauch und Sabber im rechten Mundwinkel schläft er schmatzend ein.
Heute Nacht bin ich jemand anders.

Manchmal ist es so weit weg wie der Horizont, der in einem bestechend und milchig anmutenden blau-grau irgendwo ganz weit in der Ferne liegt. Wie der Schweif einer Sternschnuppe, den du nur für eine Millisekunde siehst und dir danach die Augen reibst. Manchmal aber ist es so nah, wie die Mücke, die dir nachts um die Ohren fliegt, und dich mit ihrem penetranten Gesumme in den Wahnsinn treibt. Meistens bist du aber zu faul, um das Licht anzumachen und nach diesem winzig kleinen Ding zu suchen, den Ton abzustellen, es einfach mit einer zusammengerollten Zeitung – die du heute morgen ausgiebig beim Frühstück studiert hast – zu töten. Du reibst sie zwischen den Seiten hin- und her, um sicher zu gehen, dass du ihr auch wirklich das Leben genommen hast. Du ziehst dir die Decke über die Ohren, so dass außer deiner Nase nichts weiter aus der zehn Meter hohen Daunendecke herausguckt. Dann ist deine Angst, morgens vor dem Spiegel zu stehen, und von einem mindestens überdimensional großen und hochroten Mückenstich auf deiner Nasenspitze überrascht zu werden, so groß, dass du es in Kauf nimmst zu ersticken. Du ziehst dir also die Decke über dein ganzes Gesicht. Nach 2 Minuten ist die Luft so dünn, dass du dich – in der Hoffnung, die Mücke hätte sich längst an dem Blut deinesgleichen erfreut – von der Decke befreist und ganz aufgeregt nach Luft schnappst. Einen Moment lang hörst du nichts außer deinem Atem.
Schlaf schön.

Wenn dir eine überdimensionierte Pille panische Angst einjagt, wie es die Silhouette des Teddys tut, vor dem sich der kleine Junge im Dunkeln zu Tode fürchtet, und der Kotzreiz allein beim Anblick des monsterartigen Koloss vorprogrammiert ist, dann stell dir einfach vor, wie du es besiegst. Der Gedanke daran, dass dieses dicke Teil samt Rumpf jetzt irgendwie da runter muss, verschließt reflexartig alle denkbaren Öffnungen. Tu zum Beispiel so, als würdest du in der Sahara um dein Leben kämpfen. Dann wär’ alles mindestens(!) nur halb so schlimm. Also verarschst du dich selbst und stellst dir vor, wie du dein eigener Held bist und dich vor dem Verdursten rettest. Das funktioniert so lange, bis dein Hals ruckartig nach vorn schießt, deine Zunge verkrampft, die Pupillen nach oben wandern, nur noch das Weiß des Augapfels unter deinen halb geöffneten Lidern hervorblitzt.
Du stehst in der Küche.

Sahara

Das Grinsen und das Lächeln. 
Was davon schöner ist? Lächeln hört sich netter an. Ich stelle mir das Lächeln so vor: Es ist nicht besonders groß. Ein nettes Männchen, dessen Kopf ziemlich klein und wenig behaart ist. Die Ohren stehen etwas ab. Die vorderen Schneidezähne werden von einer maximal großen Zahnlücke voneinander getrennt. Diese Zahnlücke eignet sich ganz besonders gut zum Pfeifen. Das Lächeln ist manchmal etwas frech. Aber im Grunde ist es ein sehr nettes, freundliches und aufgeschlossenes kleines Männchen, das nicht sehr viel redet. Rechts und links neben den Nasenflügeln trägt es eine Hand voll Sommersprossen. Und wenn es lächelt, dann tanzen sie. Das sieht sehr hübsch aus. Hübsch ist schöner als schön. Schön ist irgendwie so normal – hat nicht viel. Nicht viel von diesem – durch die Reibung von Daumen und Mittelfinger entsteht ein Geräusch, ich schnipse – gewissen Etwas. Aber das Hübsch, das stelle ich mir so vor: Es trägt eine weiche, zarte Haut. Eine Haut, fast wie aus Porzellan. Aber mit ein paar Mäckchen, die das Hübsche eben hübsch machen, und besonders. Hübsch hat ein Grübchen über der rechten Wange. Hübsch ist hübscher als Schön und Charmant. Charmant ist hübscher als Nett. Nett trägt ein aufgeklebtes Gesicht. Es besitzt mehrere davon. Mehrere Gesichter, die sich wie in einem Stop-Motion-Puppentrick-Film austauschen lassen. Noch lächle ich. Ich habe ganz vergessen zu sagen, wie Charmant ist. Charmant ist wie eine Melodie. Es schwebt in einem weißen, fast transparenten Kleid in der Luft umher. Charmant ist leicht wie eine Feder, deren Bewegungen der einer Balletttänzerin gleichen. Charmant ist umgeben von vielen großen Tannen. Der Boden ist braun, schön braun. Das Braun ist sehr hübsch. Und das Grün der Tannen. Ich habe noch nie ein so wunderhübsches Grün gesehen. Zwischen den riesengroßen Tannen blitzt manchmal etwas Sonnenlicht hervor. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, als sei der Wald eine Bühne mit ganz vielen Spotlights. Und die gehen im Wechsel an und aus und die Farben erscheinen jedes Mal in einer anderen Pracht. Jeder einzelne Grünton ist hübsch, ganz für sich! Allein für sich hübsch. Und so intensiv. Die Tannen, die Farben, die Sonne, das alles sind die einzelnen Töne. Charmant ist – ebenfalls wie das Lächeln – sehr klein, nicht so klein wie eine Elfe, etwas größer. Es hat große Füße. Überdimensional große Füße. Am liebsten würde man sie packen. Also die Füße. Und reinbeißen. So wie man das mit Säuglingen tut. Für Gewöhnlich haben die keine großen Füße. Aber der Reinbeißfaktor ist durchaus gegeben. Das Lächeln und der Charme sind zwei wunderhübsche Grazien. Und dann fällt mir noch was ein. Und zwar die Brise. Die Brise ist eng mit dem Lächeln befreundet. Um genau zu sein sind sie die besten Freunde – wenn es um eine bestimmte Sache geht. Erst kommt die Brise. Dann das Lächeln. Oh, aber vielleicht ist das manchmal auch umgekehrt. In diesem Fall käme erst die leichte Brise, dann das Lächeln. Andererseits könnte es sein, dass das Lächeln die ganze Zeit da ist und erst dann die Brise kommt. Und da haben wir es. Alles kann. Nichts muss! Irgendwie ist das Lächeln immer da. Fast immer. Noch lächle ich. Die leichte Brise auf der Haut, wie sie sich an den kleinen Härchen entlangschlängelt. wie sie sie streicht. Die kleinen Pöckchen, die plötzlich aus der Haut fahren, die dafür zuständig sind, dass sich jedes einzelne Härchen senkrecht in den Wind stellt. Sich geschlagen gibt. Die kleinen Härchen, sie lassen die Brise fühlbar machen. und die Nasenspitze, die freut sich ganz besonders. Eine Nasenspitze in den Wind zu halten ist ungefähr genau so schön wie der erste Sommerregen oder wie die Erdbeere vom Sahnehäubchen zu naschen. Oder wie der erste Schluck heiße Schokolade nach einem nieseligen Herbstspaziergang. Oder wie von ganz oben auf eine Stadt schauen. Am besten in der Nacht. In einer lauen Sommernacht. Oder am Tag. Am Tag, wenn die Sonne so richtig brennt und die Schuhsohlen zu schmelzen drohen. Am besten duftet es nach Blumen und nach Schweiß. Aber nicht ekelig nach Schweiß. sondern so charmant, dass der eigene Duft die Möglichkeit hat sich zu entfalten. Wie ein Schmetterling, der gerade aus seinem Kokon schlüpft. Frisch und leicht.
Ich lächle noch immer.

T-Rex

Charmant

Gute Nacht

Vier Kurzgeschichten

Four short stories

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